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aether.2, ein roadsong
eine tele-mediale Versuchsanordnung
(1. Konzept für die Reaktorhalle, TU München)




... mit fröhlicher Strenge und konkret ...               - George Steiner

 

Fünf Wissenschaftler und Künstler reisen während 36 Stunden jeweils allein im Auto durch Europa. Mit Mobiltelefonen sind sie mit Kollegen im Gespräch verbunden, die, auch allein, in fünf medial ausgestatteten Wohnwagen, in einer ehemaligen Reaktorhalle in München sitzen. Jeder der fünf Reisenden hat ein Ziel auf das er zufährt, einen Ort an dem auf ‚eigene' Weise gearbeitet und gelebt wird. Die Bewohner dieser Orte verfolgen die Gespräche im Netz und stehen via Chat mit den Wohnwagen in Verbindung.
Die Gesprächsteilnehmer sind Zukunftsforscher unterschiedlichster Art: Biologen und Soziologen, Physiker und Science-Fiktion Autoren, Philosophen, Künstler.

Thema der Gespräche: Die Gegenüberstellung von Lebensentwurf und Menschenentwurf. Die persönliche Frage nach Vorstellungen für ‚eigene' Lebensentwürfe und nach möglicherweise utopischen Vorstellung von Leben und Welt, soll der nicht weniger utopischen, greifbaren Idee des 'Menschen als Entwurf' gegenübergestellt werden.

Drei Wahrnehmungsweisen treffen im Gespräch zusammen - jeweils unterschiedlich mobil. Sie sollen sich ergänzen und bereichern:
Die Reisenden bewegen sich physisch durch Europa: Bilder und Töne, Assoziationen und Ideen mischen sich. Sie fahren auf Orte zu, die sie nicht kennen.
Die Gäste in der Wohnwagen-Kunstlandschaft sind wie Blinde: Die beschriebenen Landschaften und Gedanken setzen bei ihnen Phantasien und Assoziationen frei, die den Blick des Fahrers rückwirkend beeinflussen können. Sie sind die Verbindung zum Reaktorraum für die Reisenden und zum Netz und damit zum Zielort. Der Gast ist wie ein Hybrid. Zwei Chatsituationen, Sprache und Text, überschneiden sich in den Wohnwagen.
Die Beteiligten am Zielort können die Gespräche übers Netz mithören, aber nur schriftlich mit den Wohnwagen in Kontakt treten - ein Umweg zu ihrem zukünftigen Gast.

Die Besucher können die Gespräche live im Reaktorraum live mithören und von dort mit den Fahrern und Gästen direkt telefonieren, oder sie verfolgen alles im Netz und mischen sich in fünf parallelen Chat-Räumen in die Gespräche ein.

Der Hörraum: Die Wohnwagen stehen auf grünem Rasen in der leerstehenden grauen Reaktorhalle. Bewegen sich die Besucher zwischen den Wohnwagen, aktivieren sie Lichtschranken, die die fünf parallel laufenden Gespräche erst hörbar werden lassen. Sind keine Besucher in der Halle bleibt es äusserlich still, auch wenn die Gespräche weiterlaufen. Durch ihre spielerischen Bewegungen beeinflussen die Besucher die Wirkung der gesamten akustischen Situation im Raum. Zuhören und einem Dialog folgen, bedeutet an einem Ort bleiben. Dieser Ort, dieser Dialog, ist aber immer nur ein Ausschnitt des Ganzen.

Während aether.2 wächst eine nutzbare Dialog-Sammlung, deren Entstehungsprozess am ehesten mit mehreren parallel laufenden und sich immer wieder kreuzenden und verbinden- den Gedanken-Jam-Sessions verglichen werden kann. Es wird nie möglich sein, alle Gespräche zu erfassen, aber die Gespräche werden aufgenommen und kontinuierlich in einem Stichwortkatalog erfasst. Besucher können auf Wunsch Gespräche in diesem Archiv anhören, die zu einem früheren Zeitpunkt stattgefunden haben.

Parallel zur Installation wird eine 'Bibliothek der gesammelten Utopien' eingerichtet, in der es von Platon's "Polis" bis William Gibson's "Neuromancer" vieles zu lesen und nachzu- schlagen gibt. Ausserdem wird eine thailändische Suppenküche installiert und "Sharkie's Bar", an der die Drinks berühmter Reisender und Visionäre gemixt werden.

aether.2 ist eine Versuchsanordnung, in der das gesprochene und das geschriebene Wort Ausgangspunkt sind, und in der die Konfrontation im Dialog gesucht wird.

Es gibt weder einen sichtbaren Anfang noch ein definitives Ende dieser Veranstaltung. Wenn die Besucher kommen, laufen die Gespräche längst. Durch sie entsteht eine neue Dynamik, aber ohne sie werden die Gespräche nicht abgebrochen. Die Entscheidung wann ein Gespräch zu Ende ist, liegt bei den daran Beteiligten.

Die Anordnung ist ein künstliches Gedanken-Biotop, in dem ausgewählte Teilnehmer sich innerhalb des festgelegten Zeitrahmens von 36 Stunden ausserhalb ihrer gewohnten Alltagswahrnehmung, in einer Hyperwelt bewegen. Die physische und gedankliche Reise, ihre Dauer und die Art der Kommunikation stellen eine Ausnahmesituation her.

Welches gedankliche Potential wird freigelegt, wenn sich das Gespräch zwischen den mobilen Reisenden und den Reisenden am Ort verdichtet und konzentriert?
Was für Bilder entstehen am Drehpunkt, an dem die Imagination das Geschehen beginnt zu bestimmen und das Fahren sich verselbständigt? Wir bewegen uns an der Grenze zwischen Wach-Sein und Träumen, zwischen Fiktion und Realität.

aether.2 ist ein Versuch utopisches Denken im Gespräch zwischen den Teilnehmern und im gedanklichen Ziel hin zu unabhängig arbeitenden Denkern und Forschern zu verorten und es gleichzeitig durch die gewählte Ausnahmesituation in Bewegung, in Unruhe, zu bringen.

"Auch wenn es aussieht, als könnten wir die Wirklichkeit nicht verändern, so können wir die Veränderung denken und kommen ihr so jedesmal ein Stück näher."             -Platon

Erste Station dieser Versuchsreihe zur Erforschung von situativer Dialoge war Äther Trommeln Europa
im Juni 1999 das Festspielhaus Hellerau bei Dresden.


Penelope Wehrli                                                                                                                      Herbst 99 / Mai 00